Ich brauche keine Ausbinder!

Allgemein üblich ist es, vor allem bei Warmblütern, dass ein Pferd immer nur ausgebunden longiert wird. Um sich zu helfen hat der Mensch allerlei Riemen und Leinen erfunden, welche in den absonderlichsten Formen verschnallt werden und die tollsten Wirkungen versprechen. Aber warum Ausbinder in letzter Konsequenz eigentlich auf lange Sicht gesehen eine Lüge an sich selbst als Reiter/Trainer sind, erläutere ich im Folgenden.

Ein Pferd hat einen Motor, der ist hinten, sprich, die aktive Hinterhand sorgt dafür, dass der „Apparat Pferd“ in Gang kommt. Diese Hinterhand gilt es zu aktivieren und durch verschiedenerlei Übungen dafür zu sorgen, dass sie weiter unter den Schwerpunkt des Pferdekörpers tritt, um einen größtmöglichen gymnastzierenden Effekt zu erreichen. Wir sagen also dem Pferd hinten „Beweg deinen Hintern soweit es geht unter den Schwerpunkt“ und vorne „Dehne deinen Hals so gut es geht vorwärts-Abwärts“. Gehen wir davon aus, einem sehr gut trainierten Pferd gelingt dies, so ist die Brückenkonstruktion Pferd im Rücken aufgewölbt, der Bauch spannt sich nach oben an (nicht falsch zu verstehen mit dem häufig gesehenen Verspannen!) und das Pferd schwingt in seiner Rückenmuskulatur locker aufwärts. Dabei gehen wir natürlich davon aus, dass das Pferd die soeben beschrieben Haltung VON SELBST mit der eigenen Kraft der Muskulatur hält und nicht dort gehalten wird. Nun kommen wir zu dem Punkt, an dem Ausbinder ansetzen. Ausbinder jeder Art geben dem Pferd eine Richtung und Haltung vor. Soweit ist das ja nichts verwerfliches und kann zwischendurch auch durchaus wirksam und effektiv sein. Nun bindet der Trainer/Reiter also sein Pferd in der gewünschten Position aus und das Pferd hat drei Möglichkeiten damit umzugehen: Möglichkeit 1 (Die Wunschvorstellung): Es lehnt sich positiv am Ausbinder an und stößt sich dort ab (wie es in der FN Fachsprache heißt), tritt somit mit aktiver Hand federnd an die Anlehnung der Ausbinder heran und wölbt seinen Rücken damit auf. Möglichkeit 2 (Eine der realistischeren) Dem Pferd ist der anhaltende Druck auf dem Gebiss durch die Ausbinder lästig und es entzieht sich diesem, indem es sich dahinter verkriecht, d.h. einrollt oder hinter dem Zügel geht. Fazit dieser Reaktion ist ein verkrampfter Hals, ein festgestellter Rücken und eine nach hinten heraus schaufelnde Hinterhand. Möglichkeit 3 (eine häufig gesehene): Das Pferd lernt den anhaltenden Druck auf dem Gebiss zu ignorieren und legt sich auf das Gebiss, um seinem zwanghaft in gleicher Position gehaltenen Hals und Kopf auszuruhen. Dabei geht das Gewicht des Pferdes mehr auf die Vorhand, es versinkt im Widerrist und die Hinterhand tritt nicht mehr aktiv unter. 


Jetzt kann man natürlich sagen, dass es ja verschiedene Lösungen für Auf dem Zügel und Hinter dem Zügel - Probleme auf dem Ausbindermarkt gibt, sogenannte Overchecker, die den Pferdekopf künstlich daran hindern ihn zu tief zu tragen, ein Einrollen ist damit unmöglich. Oder Halsverlängerer aus Gummi, welche nachgeben, da kann sich das Pferd nicht drauf legen und abstützen. Alles richtig….ABER! Ein Muskel kann sich nur dann entwickeln, wenn er angespannt UND abgespannt also locker gelassen wird. Und das sollte in kurzer Abfolge passieren, nicht eine halbe Stunde anspannen und dann erst entspannen. Man denke bitte an einen Bodybuilder, welcher Gewichte stemmt. Der dicke Bizeps entsteht nur dadurch, dass er die Gewichte immer wieder anhebt und ablegt! Also sollten auch die Muskeln des Pferdes, vor allem die durch Ausbindet bearbeiteten Halsmuskeln immer wieder die Chance zum Anspannen und entspannen bekommen, Nicht zuletzt strengt sich ein Muskel nicht an bzw. verspannt dauerhaft durch Fixierung an einer bestimmten Stellen. Fakt ist also: Ein durch Ausbinder  fixierter Kopf-Hals-Bereich ist nicht in der Lage seine Muskeln aktiv zu entspannen, also auch nicht in der Lage zu wachsen. Oft sieht man dicke Hälse, welche aber aus verkrampfter erhärteter Muskulatur bestehen, die fälschlicherweise nicht als diese erkannt wird. 


Ich selber arbeite äußerst wenig mit Ausbildern oder Hilfszügeln. Wie der Name schon sagt können Hilfszügel einem Pferd (und/oder Reiter) kurzzeitig über ein Problem hinweg helfen. Zum Beispiel kann ein korrekt verschnallter Halsverlängerer dem Pferd den Weg des Kopfes in die Tiefe zeigen (gerade bei den American Saddlebreds ein brisantes Thema durch deren rassebedingte hohe Aufrichtung). Dann sollte das Pferd vor Benutzen der Hilfszügel aber gewissenhaft durch Bodenarbeit gymnastiziert worden sein und eine reelle körperliche Chance haben die Hilfe durch die Hilfszügel annehmen zu können. Eine weitere Möglichkeit Ausbinder effektiv zu nutzen ist einem trabunsicheren Gangpferd eine sichere Anlehnung durch den Hilfszügel zu geben. 

Aber jede Art von Hilfszügelnutzung ist sinnfrei, wenn sie zu lang praktiziert wird oder zu früh in der Ausbildung verwendet werden. Ich bin nicht generell gegen den Einsatz von Ausbildern und Hilfszügel, aber sie sollten mit dem Wissen um ihre Wirkung verschnallt werden und nur übergangsweise genutzt werden, um dem Pferd eine „Hilfestellung“ für die geforderte Aufgabe zu geben, sobald das Pferd geistig und körperlich dazu in der Lage scheint.

© Gangpferde Marina 2017